(keine) Zeit für Gefühle

Das Leben mit Drillingen ist unbeschreiblich intensiv, bietet unzählbar viele emotionale und bewegende Momente. Bei dem Versuch zu zählen, würde man spontan wohl sagen dreimal so viele wie mit einem Kind. Tatsächlich sind es aber noch viele viele mehr, denn die Kinder kommunizieren und gestalten ihre Beziehung ja auch untereinander – es ist eben alles „hoch 3“.

Der Alltag mit Drillingen hingegen lässt jedoch umso weniger Zeit und Raum für Gefühle. Die Tage sind strukturiert, ein Programmpunkt jagt den nächsten: anziehen, füttern, aufräumen, wickeln, spielen, rausgehen, schlafen legen, Essen vorbereiten, abwaschen, putzen etc. – alles für 3 Kinder und mehrfach am Tag. Mehrlingsfamilien kennen es am eigenen Leib, und aussenstehende können sich wohl denken, dass da nicht viel Zeit bleibt. Zumal dies die Tage sind, wenn nichts Aussergewöhnliches passiert.

Nun denn, gut – so ist es mit Drillingen. Ich will mich nicht beklagen, sondern vielmehr Bewusstsein schaffen. Es ist eine Tatsache, dass man als Drillingseltern weniger Zeit hat, seine Kinder zu geniessen. Wenn schon Eltern eines Einlings (ich mag das Wort, typisch für Mehrlingseltern) beschreiben, dass die Kinder im Schnellzugstempo gross werden, so ist es bei Drillingen wohl ein neuer Hochgeschwindigkeitszug mit Überschalltempo. Ein Ereignis jagt das Nächste. Bereits die Schwangerschaft ist besonders. Oft ist sie nicht ganz einfach, bringt neben grosser Freude auch viele Sorgen und Fragen. Dann folgt die Geburt: mit Glück verläuft sie geplant,  mit weniger Glück schneller als geplant und mit Pech verläuft sie als Notfall. Die Zeit im Krankenhaus mit den Kindern: manchmal auf der Neo-Intensiv, manchmal auf einer Frühgeborenenstation, selten auf einer normalen Wochenbettstation, mal kürzer, mal länger, mal sehr lang. Es folgt das Ankommen zu Hause mit den Babys, eine Zeit des sich Zurechtfindens und Einlebens in einem sehr anstrengenden Alltag. Alles ist neu, Schlafmangel ist allgegenwärtig, der Fütterungsrhythmus ist vor getaktet (bei uns war es vierstündlich rund um die Uhr, bei anderen anders, jede Familie findet ihre Lösung). Man lebt sich ein, der Alltag ist soweit strukturiert, alles läuft in einer gewissen Routine, es eröffnen sich minimale Freiräume. Plötzlich folgen immer mehr Entwicklungsschritte der Kinder: Lächeln, Greifen, miteinander interagieren, Drehen, erste Zähne, Sitzen, Krabbeln usw. Zwischendurch verändert sich der Alltag immer mal wieder, neue Routine, Essens- und Schlafrhythmen halten Einzug. Plötzlich sind die Kinder 1 ½ Jahre alt und man fragt sich, in welchem Leben das gewesen ist, dass man schwanger war. Es ist gefühlt so weit weg. Kaum Zeit war da, die Situationen bewusst zu erleben, Schwieriges zu verarbeiten, sich über Schönes zu freuen, den Gefühlen Raum zu geben und alles sorgfältig im Gedächtnis abzulegen – geschweige denn, ein Fotoalbum zu machen. Etwas Wehmut macht sich breit.

Einen grossen Vorteil an diesem rasanten Lebenstempo gibt es: man lebt im Hier und Jetzt. Psychologisch betrachtet ist dies für den Menschen sehr von Vorteil und gibt ihm die nötige Energie, alles zu meistern. Man nennt es Selbstwirksamkeit, man ist aktiv und tatkräftig und erlebt unmittelbar, was man mit dem eigenen Handeln bewirkt. Es ist sinnstiftend und erfüllend. Es verleiht einem rückblickend betrachtet übermenschliche Kräfte, denn man kann sich kaum mehr vorstellen, wie man gewisse Phasen eigentlich gemeistert hat. Aber das hat man.
Nichts desto trotz kann das Tempo auch zu hoch werden, wenn die eigene Psyche dem Erlebten gar nicht mehr hinterherkommt. Es gibt so Vieles, das man erlebt hat, aber man hat kaum Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, sich als Eltern darüber auszutauschen, sich auf etwas zu freuen, oder Gefühlen wie Ärger und Trauer, die auch immer mal wieder zum Alltag gehören, Raum zu geben.

Die Worte hier sollen keine Klageschrift darüber sein, wie anstrengend das Leben mit Drillingen ist. Das ist es zweifelsohne – aber es ist ein Geschenk und dies hier soll ein Plädoyer dafür sein, sich für dieses Geschenk mehr Zeit zu nehmen. Diese Zeit aber muss man sich bewusst nehmen, der Alltag wird einem keine geben. Ich meine damit nicht, dass man sich jede Woche einen Wellnesstag gönnen soll (natürlich, wenn es sich umsetzten lässt, dann soll man auch das tun, verdient hätten wir es alle). Vielmehr meine ich, man soll sich Zeit nehmen im Kleinen und immer wieder zwischendurch im Alltag. Zum Beispiel nach dem Essen: ich bin jeweils versucht, sofort den Putzlappen zu schwingen, stattdessen könnte ich mir kurz überlegen, was jetzt eigentlich alles gut gelaufen ist: „Meine eine schwierige Esserin fasst das ungeliebte Gemüse zumindest schon mal an, früher hat sie es ohne mit der Wimper zu zucken auf dem Boden entsorgt.“ Oder abends beim Schlafenlegen der Kinder: „Heute haben wir Freunde besucht und die Kinder haben es so toll gemacht, sogar als wir eine Autopanne hatten und eine Stunde im Auto festsassen.“ Sich Zeit zu nehmen mit dem Partner, gemeinsam den Tag noch einmal zu besprechen, dauert keine 5 min, gibt dem Erlebten aber viel mehr Raum. Gibt Zeit für Gefühle.

Packt Eure Erlebnisse, Erinnerungen und Gefühle sorgfältig in schöne, kleine, Gedankenschubladen in Eurem Inneren. Das Leben mit Drillingen ist einzigartig und hat Zeit für Gefühle verdient.


3 Gedanken zu “(keine) Zeit für Gefühle

  1. Eine sehr treffende Beschreibung meines/ unseres Lebens mit Drillingen! Ich werde diese wohlgewählten Worte bei Gelegenheit zitieren- und versuchen, mir/ uns immer wieder diese kleinen „Gefühlsinseln“ im Alltag einzuräumen.

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